Die OTDP-Story

Am Anfang war das Nichts Vor der Gründung der OTDP 1958 gab es im oberschwäbischen Raum keine wahrnehmbare Jazz-Szene. Lediglich einige kleinere Gruppen fanden sich zu Swing-Sessions zusammen, traten aber nicht an die Öffentlichkeit. Die einzige Jazzveranstaltung überhaupt war bis dahin ein Konzert der weithin bekannten Tremble Kids aus Zürich. So ist es wohl erlaubt, 50 Jahre OTDP mit 50 Jahren Jazz im Oberland gleichzusetzen.

Wanderung an Himmelfahrt 1960
Wanderung an Himmelfahrt 1960
Die Geschichte der OTDP begann damit, daß Ende 1957 der junge Ingenieur Gunter Stotz aus Gießen eine Anstellung bei Escher Wyss, in Ravensburg antrat.Er hatte ein Sopransaxophon im Gepäck und im Dunstkreis der Frankfurter Szene etwas Jazzerfahrung gesammelt. Er suchte Anschluß, fand aber keinen. Eines Tages erschien eine kleine Zeitungsanzeige, die zur Gründung eines Jazzclubs in den Ravensburger Gasthof Mohren einlud. Dort traf er einige Gleichgesinnte, die wie er zur Ansicht kamen, daß es doch viel besser wäre, selbst eine Jazzband zu gründen. Tatsä chlich fand sich in kurzer Zeit eine Gruppe von jungen Jazzfans zusammen, die von dieser Idee begeistert waren.

Die Schwierigkeit war nur, daß die meisten von ihnen keine musikalische Ausbildung und noch nie ein Instrument in der Hand hatten. Wie sich Jazz anhört, das wußten sie, aber nicht wie er gemacht wird, denn es waren weder Literatur noch jazzkundige Lehrer zu finden. So fiel Gunter Stotz bald die Rolle´ des Lehrmeisters und unermüdlichen Organisators zu. Gewissermaßen mußte man den Jazz nochmals nacherfinden.

2 Episoden sind dafür charakteristisch: Eines Tages im Januar 1958 hörte Gunter im Flur des Junggesellen Wohnheimes, in dem er wohnte, Musik von Louis Armstrongs Hot-Five. Er folgte dem Klang und kam so mit seinem Mitbewohner Helge Wassung ins Gesprä ch, natürlich über Jazz und die Gründung einer Band. Helge war sofort dabei, kaufte sich ein Waschbrett und Fingerhüte und versuchte sich damit als Schlagzeugersatz. Da Helge vom Sound des Banjos besonders angetan war und er schon etwas Wandergitarre spielte, reizte es ihn, auf Banjo zu wechseln. Gunter pflichtete bei „das hast du schnell drauf, es hat ja »nur« 4 Saiten“.

In Ravensburg waren aber weder ein Banjo noch eine Banjoschule aufzutreiben. Als es Gunter schließlich gelang, von einem Jazzer aus Gießen ein Banjo zu beschaffen, setzten sich Gunter und Helge zusammen und suchten mühsam nach den richtigen Griffen für die Akkorde.

Probe in der Franzosenkaserne
Probe in der Franzosenkaserne
Zu dieser Zeit machte Paul Schürnbrand sein Praktikum im Architekturbüro Riempp, wo auch Helge tätig war. Von diesem erfuhr er von der Bandgründung und von einer herrenlosen Tuba. Paul, schon immer fasziniert von den Tubaspielern bei Jelly Roll Morton und der Hot Seven, nahm die Tuba zu sich um zu probieren, ob er darauf Töne hervorbringen könnte.



Probe im Grünen Saal Probe im Grünen Saal der Humpisstube ,1958.

Wanderung an Himmelfahrt 1960
Das 1. Jazzkonzert, Hotel Hildenbrand, 20.12.1958

Wanderung an Himmelfahrt 1960
Gunter erklärte ihm die Funktion der Ventile und brachte ihm die Grundbegriffe der Jazz- Harmonik bei. Nach einigen Wochen fleißigen Übens fand Paul sich soweit gerüstet, um in der Probe mit 2 Titeln vorzuspielen. Gunter befand „auf jeden Fall klingt’s schwarz“. Damit waren Paul und die Tuba als letztes noch fehlendes Instrument in der Band etabliert.

Zunächst fanden die jungen Jazzer eine Übungsmöglichkeit in der Franzosenkaserne. Schon bald mußte diese aufgegeben und eine neue gefunden werden. Man war jedoch nirgends lange geduldet und zog deshalb ständig in der ganzen Stadt von Lokal zu Lokal. So probte man zum Beispiel im Grünen Saal der Humpisstube, wo der Boden so abschüssig war, dass das Schlagzeug angebunden werden mußte.

Auch dieses Idyll währte nicht lange. Irgendwann landete man nach einer Probe in der Wirtschaft Promenade und packte, noch erfüllt von der Begeisterung über das eigene Musizieren, die Instrumente nochmals aus. Ein Gast ging mit seinem Hut herum und sammelte Kleingeld.

Es war die erste »Gage« der noch namenlosen Band. Aus diesem Anlass kam man auf den Namen »Old Town Dixie Promenaders«. Außerdem klang er ja so schön rhythmisch wie »King Olivers Dixie Syncopaters«.


Probe in der Franzosenkaserne
Straßenparade zur Riverboatshuffle in Eberbach, 1959.
Ungeachtet aller Schwierigkeiten waren Begeisterung, Spielfreude und Lerneifer so stark, daß die Band in der Lage war, noch im Gründungsjahr am 20. Dezember im damaligen Hotel Hildenbrand ein veritables Konzert zu geben, über welches André Ficus, als Student selbst Jazzpianist, in der Schwäbischen Zeitung eine wohlmeinende Kritik abgibt mit dem Schluß, „... man möchte wünschen, daß die sympathische und talentierte Gruppe der »Promenaders« zu weiteren öffentlichen Konzerten Gelegenheit bekommt“.

Probe im Grünen Saal Straßenparade zur Riverboatshuffle in Eberbach, 1959.

Mit diesem Debüt sahen sich die OTDP auf dem richtigen Weg. Die Band entwickelte sich im Eiltempo, die Gelegenheiten zu Auftritten wurden häufiger und bald war sie eine bekannte Größe im Oberland. Sie spielte bei allerlei Anlässen wie Jazzbandballs, Straßenparaden, und Riverboatshuffles, in Jazzkellern und - clubs.

Wanderung an Himmelfahrt 1960
Im Flappachbad, 1959








Wanderung am Himmelfahrt, 1960.
Wanderung am Himmelfahrt, 1960.

Im Ravensburger Jazzkeller.
Im Ravensburger Jazzkeller.
Herausragend in den ersten Jahren: ein Hochschulfest in der Stuttgarter Liederhalle neben dem renommierten Funkorchester von Willy Berking und der bekannten Combo von Horst Jankowski das 1. Jazz- Festival von Baden-Württemberg in Stuttgart mit der Teilnahme an der Wertungsprüfung für Amateure – Einweihung der Oberschwabenhalle
– die erste Riverboatschuffle auf dem Bodensee mit dem Jazzclub Lindau
– die Eröffnung des ersten Ravensburger Jazzkellers. Hier spielten die OTDP längere Zeit regelmäßig und der Keller entwickelte sich zum beliebten Treffpunkt der Jugend.
– das erste Biberacher Jazzkonzert zusammen mit den Riss Town Stompers
– die Beteiligung an den Biberacher Jazztagen u.a. mit den Frankfurter Two Beat Stompers
– das erste Zusammentreffen mit der Dutch Swing College Band bei einer Jam Session nach ihrem Konzert im Stadttheater Lindau. Seither verbinden freundschaftliche Beziehungen die Musiker miteinander.
– die Einladungen der Ravensburger Faschingsgesellschaft Milka zu Auftritten in der Oberschwabenhalle und im Konzerthaus, sowie im Mannheimer Rosengarten als Milka- Beitrag zum Feuerio - Programm.

Wanderung an Himmelfahrt 1960
Im Flappachbad, 1959
Wanderung an Himmelfahrt 1960
Im Flappachbad, 1959
Diese Auftritte machten die OTDP einem breiten Publikum bekannt; in den Folgejahren waren die OTDP bis 2002 im Programm der Milka immer wieder zu finden; sie mußten dabei aber stets auf der Hut sein, daß ihr Jazz nicht nur als »Gaudimusik« wahrgenommen wurde.








Konzert im Kali zur Verabschiedung von Gunter Johan Stotz ins Ausland.
Konzert im Kali zur Verabschiedung von Gunter Johan Stotz ins Ausland.
Im Laufe der Jahre kam es immer wieder zu Wechseln in der Besetzung. Eine einschneidende Zäsur erfuhr die Band, als Gunter Stotz 1962 von seinem Arbeitgeber ins Ausland geschickt wurde sowie durch den tragischen Unfalltod von Theo Link. Mit ihm verlor die Band Einen, der stets bereit war, auftretende Lücken zu schließen; er eignete sich nacheinander das Schlagzeug -, Trompeten - und Posaunenspiel an. So war es ein glücklicher Umstand, dass Klarinettist Michael Praefcke nach Beendigung seines Studiums nach Ravensburg zurückkehrte und wieder ständig zur Verfügung stand und dass Peter Hohl als Posaunist zur Band stieß.

Zu dieser Zeit verließ Helge Wassung die Band für viele Jahre. Der Gitarrist Fritz Schlaf trat an seine Stelle. Der dadurch eingeleitete stilistische Wandel vom alten New Orleans Jazz zum Dixieland veranlaßte Paul Schürnbrand, sich mit dem Kontrabaß als zweitem Instrument zu befassen. Mit der Rückkehr von Gunter Stotz von seinem zweiten Auslandsaufenthalt Anfang 1967 und mit dem Zugang von Roland Wohlhüter als Trompeter Ende 1968 konsolidierte sich die Band endgültig und fand zu der Form, mit der sie durch swingenden Drive der Rhythmusgruppe, kompakte Bläserarrange - ments sowie beachtliche Kollektiv - und Soloimprovisationen hervorstach und die sie bis heute auszeichnet. Die OTDP waren gefragt und traten in der gan - zen Region auf.

Bei der Milka
Bei der Milka
Konzert im Festsaal von Kloster Weissenau zum 35. Jubliläum der OTDP, 1993.
Konzert im Festsaal von Kloster Weissenau zum 35. Jubliläum der OTDP, 1993.
Inzwischen waren aus den einstigen Schülern und Studenten berufstätige Familienväter geworden. Ihre Ansprüche an die Musik entwickelten sich unterschiedlich. Familie, Beruf und Ziele der Lebensplanung setzten neue Maßstä be. Der Aufwand für die Musik mußte oft zurückstehen. Dies führte zwangsläufig zu Neuorientierungen und Anfang 1975 zerfiel schließlich die Band; ein Vorgang der bei fast allen Amateurbands zu beobachten ist. Bemerkenswert ist jedoch, daß er bei der OTDP erst nach 17 Jahren eintrat und nicht das völlige Aus bedeutete.

Gunter Stotz und Roland Wohlhüter wanderten zur Dirty River Jazzband ab, wo sie wesentlichen Anteil an deren Aufstieg hatten und trafen dort Helge Wassung wieder. Schlagzeuger »Charly« Eberl mußte aus beruflichen Gründen aufhören.

Die »Hinterbliebenen« formierten sich noch im selben Jahr neu und entwickelten die Tradition der OTDP unter dem Namen »new JAZZCOMPANY« mit großem Erfolg weiter. Indessen verloren sich die Promenaders nicht aus den Augen und fanden sich immer wieder zu Auftritten zusammen.



Wanderung an Himmelfahrt 1960
Im Flappachbad, 1959
So z.B. auch 1997 bei der Milka -Sondergala zum 100 - jährigen Bestehen des Konzerthauses, in deren Folge die erste kleine Formation, die Old Town Promenaders entstand. Große Events der OTDP waren in diesem Zeitraum die Konzerte zum 25 - jährigen und 35 - jährigen Jubiläum der Bandgründung. Ein besonderes Ereignis wurde die Beteiligung am Landes-Jazzfestival 2003 von Baden -Württemberg.Die OTDP organisierten die Foto - Ausstellung »Wie der Jazz nach Oberschwaben kam«. Sie wurde von einem aus den Gründungsmitgliedern bestehenden Quartett eröffnet und in ihrem Konzert im Rahmen der Jazznight spielten die OTDP in der nahezu identischen Besetzung von 1972.

Seitdem treten die OTDP wieder jährlich mehrmals auf, reifer geworden durch die Erfahrung der Jahre, aber mit ungebrochener Begeisterung und Spiellaune – zum eigenen Spaß und zur offensichtlichen Freude der Fans. Auch ihre kleineren Formationen, die OTP, finden ständig steigendes Publi - kumsinteresse. Der Jazz-Virus hält die Promenaders immer noch im Griff und eine ‚Genesung’ ist nicht absehbar. Wie war das noch? „... die sechs »älteren Herren« der Dixie - Promenaders ... spielten, eingebettet in einen swing, dass man überzeugt ist, bei diesen Sechs wirke der Jazz als Aphrodisiakum! Lionel Hampton spielte bis 90! Na denn!“
Schau’n mer mal, Herr Frommlet!

Die Old Town Promenaders 2008
Die Old Town Promenaders 2008
(Die kleine Formation)